Gender und Extremismus
Wie akut ist dieses Thema an unseren Schulen?
„Die Freiheit und Freizügigkeit, an der wir heute teilhaben, ist nicht selbstverständlich, weder mit Blick auf die europäische Geschichte noch mit Blick auf unsere gegenwärtige Welt.“ (Navid Kermini)
Die familiäre Herkunft entscheidet in Deutschland stärker über die Bildungsaussichten als in allen anderen Industriestaaten. An den Schulen sind Leistungsschwäche und aggressives Auftreten insbesondere von Jungen aus Familien mit schlechten Bildungschancen und Migrantenfamilien zum Problem gerade für die überwiegend weiblichen Lehrkräfte geworden. Bildungsforscher sprechen schon von einer Krise der Jungen. Uns interessiert, wie sehr extremistische Weltbilder zu dieser geschlechtsspezifischen Entwicklung beitragen. Martialische Männlichkeit von Rechtsextremisten und die „Kultur der Ehre“ in traditionalistischen muslimischen Familien machen nicht vor Schultoren halt. Welche Bedeutung haben Wertvorstellungen wie Härte, Stärke, Ehre, Wehrhaftigkeit für Rollenverständnis und Leistungsbereitschaft? Sind Gewalterfahrungen in den Familien verantwortlich für die Gewaltbereitschaft von Jungen? Warum sind auch Mädchen noch immer patriarchalischen Mustern zugeneigt? Inwiefern hat Mediengewalt einen Einfluss auf diese Bildungskrise? Warum muss in extremistischen Milieus Homosexualität so stark abgewehrt werden? Wie sehr tragen schlechte Bildungschancen wiederum zu einer Verschärfung extremistischer Einstellungen bei? Wie kann die Schule all dem begegnen?
Sehr gute Bücher sind zu der geschlechtsspezifischen Thematik des Rechtsextremismus erschienen. Wir erfahren, dass die rechtsextreme Gewalt ein Geschlecht hat, dass sie als ein männliches Verhaltensmuster erforscht wurde. Die Szene ist sehr stark sexistisch und Frauen verachtend. Homosexualität wird geleugnet, unterdrückt und geächtet. Opfer rechtsextremer Gewalt sind neben Ausländern, Linken, Behinderten und Obdachlosen auch gerade Schwule.
In letzter Zeit haben Medienberichte über Zwangsehen und “Ehrenmorde” die Öffentlichkeit wachgerüttelt. Sehr gute Bücher und Lebensberichte sind über die rechtlose Situation vieler Migrantinnen erschienen. Wir erfahren, dass für sie in Deutschland die demokratischen Grundrechte nicht gelten, dass sich muslimische Männer und Vereine selbst bei Mord auf ihre Glaubensfreiheit und kulturellen Traditionen berufen. Wir erfahren, wie sehr in muslimischen traditionalistischen Gesellschaften Homosexuelle geächtet, unterdrückt und verfolgt werden.
Weniger Beachtung aber finden die Parallelen, die sich gerade offenbaren, wenn man Rechtsextremismus und Islamismus unter dem Gesichtspunkt “Gender” behandelt. „Courage“ möchte den strukturellen Zusammenhängen von Xenophobie und Frauenverachtung nachgehen. Die traditionellen Männlichkeitsvorstellungen nach Ethnizität und Geschlecht und auch die rechtsextremen Männlichkeitsnormen zeigen: Rassismus fördert und festigt Sexismus. Genderfragen sind auch immer Demokratiefragen.